"Die Amazonen des Amazonas"

Eröffnungsrede von Claudia Schubert, Köln
Galerie Haus Schlangeneck, 24. April 2016  hier lesen

 


Ausstellung Potsdam 2015

 
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Kreatives Brandenburg im Profil: Fotograf Frank Gaudlitz


Angela Krauß

Laudatio zur Ausstellungseröffnung "Die Amazonen des Amazonas"
im Literaturhaus Leipzig, 10. September 2013


SONNENSTRASSE

Interview Frank Gaudlitz, Potsdamer Neueste Nachrichten, download PDF

Link zur Zeitung:  http://www.pnn.de/potsdam-kultur/676153
 

Im renommierten Hatje & Cantz-Verlag ist in deutscher und spanischer Sprache soeben ein opulenter Bildband des Fotografen Frank Gaudlitz mit dem Titel „Sonnenstraße / La ruta del Sol“ erschienen. Der handwerklich hervorragend gearbeitete Bildband umfasst 208 Seiten mit 69 Farb- und 38 Duoton-Fotos. Der Fotograf Gaudlitz, der bei Arno Fischer in Leipzig das Handwerk der Fotografie studiert hat, begibt sich im vorliegenden Werk mit dem viel versprechenden Titel „Sonnenstraße“ auf den Reiseweg, den Alexander von Humboldt auf seiner Forschungsreise bereits in den Jahren 1801 und 1802 nach Südamerika führte. Zusammen mit den Auszügen von Texten aus Alexander vom Humboldts Reisetagebuch ergibt dieser brillante Bildband ein bewegendes Dokument von hervorragenden in schwarzweiß gehaltenen Landschaftsaufnahmen einerseits und authentischen Farbaufnahmen von Bewohnern der bereisten Länder andererseits. Frank Gaudlitz ist es gelungen, eine großartige und ungewöhnliche fotografische Reisereportage mit hervorragenden Fotodokumenten dem Leser in die Hand zu geben. Der Bildband ist absolut lesens- und sehenswert und macht Lust auf eine Reise zur Sonnenstraße Südamerikas.
Zeit-online, Willi Wilhelm, Bornheim, Januar 2012


Casa mare

„Ein Porträt so widersprüchlich wie Osteuropa – modern und gleichzeitig rückwärtsgewandt, nah und gleichzeitig so fremd. ... Dabei entstanden eindrucksvolle, anrührende Bilder, die vom Glauben erzählen, von der Liebe zum Wandteppich, von Armut, von Hoffnung auf Wohlstand – und vom Aufbruch in die Moderne der Europäischen Union.“
Der Spiegel, 19.12.2009

„Die Gesichter, die Gesten, der Habitus der Porträtierten fügen sich zu Seelenlandschaften. Da werden Schicksale erzählt, keine amtlichen Biografien.“
Berliner Zeitung, 29.4.2010

„Entstanden ist das grandiose Porträt einer Gesellschaft im Wandel, die für den Wohlstand ihre berührende Anmut hergibt - und wohl dennoch einen guten Tausch gemacht hat.“
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.12.2009

„Wer sagt, dass der Osten grau ist? Der Osten, den Frank Gaudlitz ins Bild setzt, ist grellrosa oder grasgrün, wild geblümt oder gemustert. In dem ‚großen Raum‘ ... , den der Fotograf ... bereist hat, staffieren die Menschen die Paraderäume noch mit ihrem Leben aus. ... Man muss sehr genau hinschauen, um die Unterschiede zu erkennen zwischen deutschstämmigen Rumänen, Roma, Ungarn und altgläubigen Russen, die in diesem vergessenen Teil Europas mehr oder weniger friedlich zusammenleben. Auffälliger sind die Gemeinsamkeiten, das etwas steife Repräsentationsgebaren und der blümerante Mustermix, den es so in keinem Kaufhaus gibt.“
Die Zeit online, 18.11.2010

„Großartig sind ... die Aufnahmen von Innenräumen. Bei ihnen scheinen die Jahrhunderte im Jetzt aufgegangen zu sein, denn sie wirken, als hätte sie ein holländischer Genremaler in gar nicht so grauen Vorzeiten geschaffen. Wobei wir bei den Farben wären, die zu den erlesensten gehören, die sich zu Harmonien fügen lassen. Ihr Vielklang ... macht die Schau zum Augenschmaus ...“
Märkische Allgemeine Zeitung, 21.6.2010

„Die Figuren strahlen eine große Würde aus, sie scheinen ganz bei sich zu sein. Die ist der besonderen Zwiesprache zwischen Fotograf und Modell geschuldet, der sie nicht wie ein Tourist dreist oder schamhaft mit der Kamera schießt, sondern sie in ihrem Schutz- und Lebensraum walten lässt. ... eine Art Reprise von August Sanders ‚Menschen des 20. Jahrhunderts‘, wenngleich Gaudlitz hier keine soziologische Vollständigkeit anstrebt.“
Luxemburger Wort, 5.6.2010

„viel wahrhaftiger können Porträts nicht sein“
tip-berlin (online), 7.6.2010

„Frank Gaudlitz lässt den Menschen Platz. Er fotografiert sie aus leichter Untersicht. So macht er sie etwas größer, als sie sind. Und etwas größer als sich selbst.“
Tagesspiegel, 5.5.2010

„Mag der Westeuropäer, der das Buch ansieht, zunächst vor allem bestürzt über die Ärmlichkeit und gefesselt von der halben Exotik der dargestellten guten Stuben sein und die so unterschiedlichen Personen eher mitleidig zur Kenntnis nehmen, so ändert sich dieser Eindruck rasch, wenn man sich eingehend mit den Fotografien befasst. ... Das Mitleid weicht rasch einer Begegnung auf Augenhöhe, denn die Portraitierten posieren gelassen und selbstbewusst in ihrem ganz persönlichen Interieur. Und genau das möchte Gaudlitz offensichtlich vermitteln ... : Man muss diese scheinbar rückständigen Gebiete mit ihren lebendigen, farbenfrohen Ethnien nicht nach Europa holen – sie sind seit Jahrehunderten ein sehr lebendiger Teil davon und dies heute vielleicht noch wesentlich mehr als die Westeuropäer, die etwas hilflos nach ihrer Identität suchen...
Buchrezension von Regina Károlyi in Media-Mania, 2009
„Gaudlitz‘ Fotos sind .... von einer eher pfiffigen Melancholie, von ironischer Traurigkeit durchzogen. Die Farbenpracht in den bisweilen sehr ärmlichen Stuben ist ebenso überwältigend wie der Hang zum Kitsch, den Gaudlitz ernst und mit Sinn für’s Detail im Blick hat. Grasende Hirsche auf dem Wandteppich werden dabei genauso ernst genommen wie Chippendale-Stühle oder wacklige Ofenrohre. In welchem Interieur die Menschen glücklicher wirken, überlässt die Kamera dabei ganz dem Auge des Betrachters.“
Buchrezension in Ultimo, 21.12.2009

„Die Fotografien ... zeigen einen Zustand der Ungewissheit, der bestehen bleiben wird, bis die Auswirkungen der EU-Osterweiterung und die Globalisierung auch dort ihre Spuren hinterlassen. ... Casa Mare beschreibt ... einen großen kulturgeografischen Raum, der die Unterschiedlichkeit toleriert.“
e-novine (Belgrad), 1.12.2010

„Gaudlitz hat die Menschen und Einrichtungen authentisch und glaubwürdig fotografiert, ohne zusätzliches Licht, als Dokument der Vielfalt menschlicher Existenz, die es zu erhalten gilt. Die Menschen auf Gaudlitz′ Fotografien schauen durch das Objektiv direkt auf uns, offen und neugierig, so wie wir ihnen offen und neugierig gegenüberstehen. Die Verbindung ist also hergestellt. Man muss sie nur bewahren.“
Vreme (Belgrad), 16.12.2010

Mit „Casa Mare“ legt Frank Gaudlitz nach „Warten auf Europa“ ein zweites Buch vor, in dem seine Porträts von Menschen aus Osteuropa gesammelt sind. ...
Seit seinen Anfängen als Fotograf steht das Porträt im persönlich geprägten Raum im Zentrum der Arbeit von Frank Gaudlitz. Dabei geht es vor allem um Authentizität. Man könnte auch sagen: um Wahrhaftigkeit. ... 
Ein fotografisches Porträt, hat Roland Barthes beobachtet, „ist ein geschlossenes Kräftefeld. Vier imaginäre Größen überschneiden sich hier, stoßen aufeinander, verformen sich. Vor dem Objektiv bin ich zugleich der, für den ich mich halte, der, für den ich gehalten werden möchte, der, für den der Fotograf mich hält und der, dessen er sich bedient, um sein Können vorzuzeigen. In anderen Worten, ein bizarrer Vorgang…“ Barthes beschreibt hier die Situation des Fotografiertwerdens, „jenen äußerst subtilen Moment (…), in dem ich eigentlich weder Subjekt noch Objekt, sondern vielmehr ein Subjekt bin, das sich Objekt werden fühlt: ich erfahre dabei im kleinen das Ereignis des Todes (der Ausklammerung): ich werde wirklich zum Gespenst.“ 2) Schaut man in dieser radikalen Betrachtungsweise auf Frank Gaudlitz’ Fotografien, wird ihre Besonderheit deutlicher. Der „Vertrag“, den er mit seinen Modellen schließt, ist nicht auf Vorteilsnahme aus. Es geht nicht um Originalität und nicht um Exotismus. In der Geschichte der Porträtfotografie gibt es eine Vielzahl von voyeuristischen, das Gegenüber des Fotografen der Amüsiersucht des Publikums ausliefernden Bildern. Oftmals tappen die Abgebildeten dabei in Fallen, die sie nicht vorhersehen konnten. Im allgemeinen Wettstreit um Aufmerksamkeit obsiegen solche Bilder aber nicht notwendig. Denn der Betrachter sieht, wenn er das Bild eines anderen sieht, auch immer sich selbst, das heißt, ein Bild von sich selbst. Der Tod, von dem Barthes spricht, steht ihm selbst, unbewußt, vor Augen. Menschen können sich über die Entblößung des Anderen freuen, aber es bleibt eine unbewußte Sperre, eine Distanz in ihrem Blick, der aus der Befürchtung resultiert, sie könnten selbst zum „Opfer“ werden. Vielleicht ist diese Dualität des Medien-Voyeurismus der einzige Schutz, den wir derzeit noch vor der vollkommenen Entgrenzung der Ethik des Bildes haben. 
Die Fotografien von Frank Gaudlitz sind in diesem Sinne moralisch. Sie überwinden die Distanz, wir können gleichsam diskret in sie eintreten, meist in eine anscheinend fremde Welt, in der die Menschen sich mit anderen Zeichen ihres Seins umgeben. ...
Frank Gaudlitz schafft es, noch einmal an die ursprüngliche Faszination der Vergegenwärtigung anzuknüpfen, die die Wirkung der früheren Fotografie ausmachte. Unser begründeter postmoderner Bildskeptizismus wird dadurch nicht ausgeschaltet, aber es entsteht etwas für nicht mehr möglich Gehaltenes: Wir sind bereit, diesen Bildern Glauben zu schenken. Um noch einmal Roland Barthes zu bemühen: „Wenn die Fotografie sich nicht ergründen läßt, dann deshalb, weil ihre Evidenz so mächtig ist.“
Matthias Flügge
(Aus dem Essay „ Identität, was ist das? Oder: Über die Moral der Fotografie“ im Buch „Casa Mare“, Hatje Cantz 2009

...Porträts aus dem Zigeunermilieu, Menschen in ihrem Zuhause, Blatt für Blatt: Hineingestellt vor allem in die guten Stube, hergerichtet, oder nie benützt - meistens betreten bei Todesfällen: Hier wird der Verstorbene aufgebahrt, hier kommen die Nachbarn zwei Nächte zum 'Wachen'. Es muß alles tiptop sein. 
Es sind Porträts, die den 'ganzen' Menschen 'aufrecht' zeigen. Da ist Ernsthaftigkeit, Anmut, Liebreiz, Putz, umgeben von einer farbenfrohen Ästhetik. Ich kenne das gut. Hier leben etwa 1200 'Tzigani'. Und selbst in den Lehmhütten am Bach gibt es einen Winkel in der Stube, der von Formsinn und Gediegenheit zeugt. 
Ja! Würde und Schönheit, das möchte ich jedem einzelnen Porträt der braunen Mädchen, der dunklen Müttern, den Brüdern vom Bach zusprechen. Würde und Schönheit. Ich kann mich nicht sattsehen. In jedem Bild leuchtet eine Fülle an Prächtigkeit auf schon im dargestellten Menschen. Eine dekorative Gala rundum erfreut genussvoll das Auge. 
Und ich, wiewohl ein Einzelgänger in der Bildergalerie, dazu eingeklemmt in meiner hochgestochenen Bürgerlichkeit, falle nicht aus dem Rahmen. Sondern gehöre dazu, sonderbar. Zum ersten Mal im Leben ruht mein Blick mit Wohlgefallen auf meinem Konterfei. Nur möchte ich betonen: Freund Gaudlitz hat mich zwischen die alten Familienmöbel gezwängt und meine Statur bewehrt mit zwei Porträts von mir wie Schilde.
Eginald Schlattner
Schriftsteller und Gefängnispfarrer
zum Buch „Casa mare“, Hatje Cantz 2009


Warten auf Europa – Begegnungen an der Donau

Gaudlitz ist in der hohen Kunst der Dokumentarfotografie ein Meister. Wer diese Porträts von Menschen am Fluss, in einer vom Fluss geprägten, unendlich vielgestaltigen Kulturlandschaft gesehen hat, wird sie nicht mehr vergessen. Was uns Gaudlitz mit seinen Porträts in Erinnerung ruft: dass Europa, aller Globalisierung zum Trotze, noch immer ein Kontinent der Ungleichzeitigkeit ist. Wir sehen saturierte Spaziergänger, ausstaffiert mit modischen Insignien des Wohlstands, in ihren schmucken Kleinstädten; vorzeitig gealterte Landarbeiter, ausgezehrt von körperlicher Arbeit auf dem Feld, in den Wäldern, die andernorts längst Maschinen übernommen haben; Kinder, die schmutzig, in Lumpen, ohne Schuhwerk des Weges ziehen, mit großen traurigen Augen, Verlierer von Anbeginn; Menschen, die fest in einer archaischen Welt der Entbehrungen verwurzelt scheinen, andere, die es sichtlich leichter und dabei doch allzu schwer haben, in einer rabiaten Moderne ihre Identität zu behaupten.
Gaudlitz ist nicht darauf aus, die Menschen mit einem Schnappschuss zu erlegen oder sie in eine inszenierte Zwangsordnung einzupassen, mit der er ein ästhetisches Konzept von ausgesuchter Originalität aufgehen lassen möchte. Er zeigt die Bewohner des Donauraumes mit ihren Eigenheiten und Reichtümern, in ihrer Armut, Bedrängnis und ihrem Versuch, wider alle Anfechtungen Würde zu bewahren. Zu einer fabelhaften Ausstellung hat diese Recherche geführt, jetzt liegt ein bewegender Fotoband vor, ...
Wer bei den Sonntagspredigten zur europäischen Einheit schon lange nicht mehr zuhört, aber das europäische Antlitz kennen lernen möchte: hier kann er es entdecken.
Karl-Markus Gauss
Süddeutsche Zeitung, 23.01.2007 



Da gab es nun Leute, die sich in den Ländern des alten Ostblocks auskannten, die die Sprachen sprachen, die kurzum: vertraut waren mit einer Welt, die den meisten im Westen eher terra abscondita geworden war.
Die Aufnahmen, die Frank Gaudlitz von seinen Reisen entlang der Donau mitgebracht hat, zeugen von diesem einstigen Wahrnehmungsprivileg. Man merkt an ihnen die Vertrautheit mit der Umwelt und den Menschen, denen er begegnete. Es ist ein Blick, der auf andere sieht, wie man selber auch gesehen werden möchte: nicht exotisch, nicht spektakulär, nicht enthüllend oder demaskierend, eine photographische Version von "teilnehmender Beobachtung". Seine Reise geht in ein doppeltes Abseits: in die Welt jenseits der neuen Grenzen, und in die Zonen außerhalb der Welt bekannten Metropolen, aufs Dorf, aufs flache Land, in die Ebene, ins Delta. Aber auch dort, wo die Zeit noch langsam geht, ist nichts mehr so wie es war. 
Der Photograph hat diesen Blick lange geschult und schon früher in Bilder von der Sowjetunion in Agonie und dem neuen Russland gefasst. Da ist nichts anklägerisches, denunziatorisches, wohl aber Achtung vor anderen, vor der Persönlichkeit, die in jedem steckt. Die Bilder von den Begegnungen an der Donau treten an die Menschen heran, aber nicht zu nah. Sie lassen sie in ihrer Umgebung und Landschaft und zwingen ihnen keine Pose oder Haltung auf. Sie halten einen Moment fest, in dem alles offen ist, und in dem alles von einem selbst abhängt.
Karl Schlögel 
(aus dem Vorwort zum Buch „ Warten auf Europa – Begegnungen an der 
Donau „ Deutsches Kulturforum östliches Europa, Potsdam 2006)



Europa ist meine Leinwand
Menschen an der Donau
Sei der Osterweiterung der Europäischen Union, die in der Nacht zum 1.Mai 2004 überall in Europa gefeiert wurde, sind andere Menschen zu Hause, Menschen, denen man andere Biografien und Erfahrungen und womöglich auch andere Hoffnungen ansieht als jene, die wir aus dem alten Europa vor dem Fall der Mauer kennen. Und wenn diese Menschen, ihre Gesichter und Haltungen, eines Tages europäisch gleichgemacht sein sollen, so gibt es immer noch jenen europäischen Raum, der politisch bislang nicht integriert ist.
Es ist nicht nur eine andere Naturlandschaft, nicht nur eine andere politische Kultur, aus der sie kommen, sondern auch eine andere Seelenlandschaft mit erstaunlich graduellen Unterschieden von Land zu Land. Und wer noch den Blick von den eigenen Sorgen und Befindlichkeiten heben kann, der schaue in diese Gesichter. Es ist nicht sicher, dass ihre Sprache für den Betrachter zu entziffern ist, aber sofort wird er etwas entdecken, was er aus der Welt der westlichen Masken kaum mehr kennt. Wer in die Gesichter schaut, ist schon unterwegs und begegnet Schicksalen statt Kariereleitern.
Die Bilder indes taugen in keiner Weise zu einer Idyllisierung oder gar Idealisierung des armen, aber richtigen Lebens. Es ist nicht zuletzt ein Teil unserer eigenen Wahrnehmung, wenn wir den Anwohnern der Donau eine Zwischenexistenz in Wartestellung unterstellen.
Und doch schwingt etwas davon als Erwartung in den Aufnahmen mit. Dabei versteht es sich von selbst, dass diese Wartestellung länger als ein ganzes Leben dauern kann. So scheint das eine Leben in Erwartung eines anderen gelebt zu werden – ein nahezu religiöses Moment, das manche Porträts auch zu Abbildern von Märtyrern der Geschichte macht oder zu Lebenskünstlern zwischen den Gletscherspalten der Epochen, was ihrer Bodenständigkeit und ihrem Überlebenswillen viel mehr entspricht.
Diese Entdeckung ist das Verdienst des Fotografen Frank Gaudlitz, der als früherer Bürger der DDR mit den Kulturräumen Ostmitteleuropas und Osteuropas vertraut ist und zwischen 2003 und 2005 eine große Tour entlang der Donau unternommen hat. Er hielt Gesichter, Posen, Kleider und Kostüme fest. „Warten auf Europa“ heißt der hintersinnige Titel des Buchs, in dem seine Fotos zu sehen sind. ...
Michael Jeismann
Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 08.Juni 2006


Anrührend, treffsicher: das Schicksal eines ganzen Landstrichs im Fotoformat
...Mit seinen Porträts entwirft Gaudlitz ein Bild, das zwischen zu knappen Dirndl, abgetragenen Bauernkutten, viel zu dünnen Anoraks und von Schlamm verschmutzten Schuhen, zwischen frustrierten und teilnahmslosen, wütenden, aber auch stolzen, selbstsicheren Blicken zu einem ganzen wird. Ein Bild, das von eher ursprünglichen Gesellschaften erzählt. Eine Welt in zehn Ländern, der man sonst nur als reisender Gast den Reiz vermeintlicher Authentizität andichtet. Gaudlitz macht den Betrachter zum Voyeur der Verhältnisse, er lässt uns spüren, dass auf fast 3000 Kilometern unzählige Menschen auf Europa warten. Und oft liegen die Geschichten auch im Bildhintergrund verborgen. Ein Bildband wie ein Dokumentarfilm.
Jan Kixmüller
Potsdamer Neuste Nachrichten vom 20.April 2006



zwischen zeiten – Bilder aus Russland

Aus der Dunkelheit
Der Fotograf Frank Gaudlitz sucht seine Aufnahmen im Land der verlorenen Illusionen. ...Aber sein Blick ist ohne jede Spur von Häme. In seiner Art des Sehens lebt ein Stück im Westen vergessener Fototradition weiter, die klassische Dokumentarfotografie. So genau will man im Schatten der Fernsehstationen gar nicht wissen, wie Ohnmacht aussieht.
Es sind schwarze Bilder. Aufnahmen aus der großen Leere einer Zwischenzeit – zwischen den schlechten Tagen Diktatur und dem schlechten Neuanfang des „freien“ Marktes, der sich vorstellt als Schlacht aller gegen alle. Vielleicht werden diese Aufnahmen in besseren Tagen einmal den Fotografien aus der Zeit der „Großen Depression“ in den USA ähneln, die bis heute unser Bild von diesem Land prägen.
Zur Qualität dieser Bilder gehört, dass in Ihnen das gewicht des historischen Bruchs erkannt ist. Jetzt in der Ex-UDSSR zu fotografieren heißt, eine Bruchstelle der Geschichte zu erforschen. Für mich sind die Aufnahmen von Frank Gaudlitz vor allem Bilder einer Nachkriegsepoche. Auch kalte Kriege hinterlassen Trümmerfelder, fordern Kriegsopfer aller Art, produzieren Schwerbeschädigte, Armut und Schwarzmarkt. Der „entscheidende Augenblick“ aus dem diese Aufnahmen ihre Kraft ziehen, ist die lähmende Leere Normalität, der Schock, in dem die Bewusstlosigkeit der Ohnmacht weicht. Die Beschleunigung historischer Prozesse hat in der Sowjetunion eine schlechte Tradition. Sie hat bei der Zwangskollektivierung der Bauern und bei der erzwungenen Industrialisierung vergangener Jahrzehnte große Opfer verlangt. Es sieht so aus, als wollte der Kapitalismus diese menschenverachtende Tradition fortsetzen. Neuorientierung ohne Rücksicht auf Verluste.
Es sind schwarze Bilder. Schwarz wie die Nacht in einem Alptraum, schwarz wie die Trauer nach einer großen Enttäuschung. Eine Dunkelheit voller Kontraste, die schmerzen. Sie tauchen die Handelnden in ein besonderes Licht. Wie Ikonen im Halbdunkel leuchten, verweisen sie auf Menschen, die im Müll der untergegangenen Sowjetunion ihr Heil suchen müssen. Der Fotograf holt sie aus der Dunkelheit des Vergessens. Erinnerungen an die Gegenwart. ...
Jan Thorn-Prikker
(aus dem Katalogtext Brandenburg-Preis für Bildende Kunst 1993)



Eine überzeugende Milieuschilderung und zugleich eindrucksvollen Sehunterricht liefert Frank Gaudlitz mit seiner Serie von in Russland aufgenommenen Fotografien der letzten Jahre. Die Eigenart von Frank Gaudlitz besteht für mich immer in der Mischung zwischen fotografischer Dokumentation und künstlerischer Umsetzung, also diesem berühmten 
„ eigenen Blick “.
In dem Text von Lew Schestow ist von einem der „ einsamen Könige des Denkens “ die Rede. Nun will ich nicht sagen, Frank Gaudlitz wäre der einsame König des Entdeckens ... ...aber zu sagen ist: Diese Szenen eröffnen einen anderen Horizont von Verständnis und Interesse an dem Fremden, das außerhalb des Eigenen liegt.
Gabriele Muschter,
(aus einem Text zur Ausstellung ALETHEIA in der Galerie im Pferdestall in der Kulturbrauerei Berlin, Februar/März 1999)



...gibt es Aufnahmen, wo der Autor ungeniert einen Gegenstand und zugleich über dessen Rahmen hinaus viel mehr zeigt. So sind die Fotos von Frank Gaudlitz, die er in den Straßen von Moskau gemacht hat. Die Metapher der Gefahr hat hier einen naiv – bildlichen Charakter und besitzt dadurch die Wirkung wie in einem Film von Hitchcock.
Commercant Daily vom 13. September 1994



... mit einer unmittelbar visuellen Sprache führt uns Frank Gaudlitz Russland vor Augen. Aber bei allen Aufnahmen wahrt er auch eine Distanz zu seinen Motiven, und er arbeitet mit der Distanz als Motiv der Inszenierung und Komposition. Es ist keine Distanz, die sich aus der Mechanik des Photoapparats ergibt, sondern ein Haltung gegenüber dem Gesehenen. Mit diesem Respekt und der Neugier für das Fremde gelingt es Frank Gaudlitz, die subjektiven Blickwinkel seiner Wahrnehmung zu einem authentischen Bild über die Fremde zu machen. Aus diesem Umgang mit Distanz und Unmittelbarkeit gewinnen die Photographien von Frank Gaudlitz ihre bildnerische Präsenz und Faszination.
Friedrich Meschede
(aus einem Katalogtext zur Ausstellung „ zwischen zeiten „ in der daadgalerie Berlin, August/September 1995)